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Im Beitrag vor diesem ging ich der Frage nach, ob Hunde einen Sinn für Gerechtigkeit haben. Nach den Ergebnissen der Forschung deutet wohl einiges darauf hin, dass sie zumindest über einen sehr einfachen Gerechtigkeitssinn verfügen.

Vielleicht gibt es aber noch andere, vergleichbare Sinne bei Hunden, welche sie im Rahmen des Zusammenlebens mit anderen brauchen. Die Frage ist vor allem auch in Bezug auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen von Interesse.

Es scheint, so lassen Beobachtungen vermuten, bei Hunden tatsächlich so etwas wie Moral zu geben. Hunde lernen die Regeln im Haus eigentlich recht fix. Jeder Hundehalter kennt es, wenn der Hund eine Regel gebrochen hat, dann ist ihm dieses fast auch immer bewusst und er zeigt ein entsprechendes Verhalten, indem er Herrchen oder Frauchen beispielsweise etwas geduckt von unten anschaut mit so einem Blick wie “Ich wollte das wirklich nicht!”

Wenige haben sich aber bisher gefragt, warum Hunde überhaupt einen ausgeprägten Sinn für richtig und falsch haben. Wenn Forscher Schlagzeilen damit machen, dass man wieder einmal bei anderen Primaten als dem Mensch, zum Menschen vergleichbare Beobachtungen zum Fairnessverhalten gemacht hat, dann ist das mittlerweile nicht mehr wirklich aufregend. Deswegen beschäftigte sich eine Gruppe von Forschern mit Caniden (Hunde, Wölfe, Kojoten) zum Thema Moralverhalten und kamen zu dem Schluss, dass das Moralverhalten bei wilden Caniden, also beispielsweise Wölfen vermutlich den Ursprüngen Menschlicher Moral näher kommt als das von anderen Primaten.

Perfect Playbow

Foto: barriebarrie CC BY-NC-SA 2.0

Moral definieren die Forscher um Marc Bekoff und Jessica Pierce, um deren Forschungsergebnisse es hier geht, in ihrem Buch Wild Justice als eine Reihe von mit einander zusammenhängenden Verhalten, welche die sozialen Interaktionen mit anderen pflegen und regulieren. Zu diesen Verhalten gehören Altruismus, Toleranz, Vergebung, Gegenseitigkeit und Fairness. Alle diese Verhaltensformen lassen sich bei Gruppierungen, bei welchen ein Gleicheitsgrundsatz das gemeinsame Spiel bestimmt, in diesem Fall Wölfen und Kojoten, beobachten. Canide, zu denen auch Haushunde gehören, folgen strengen Verhaltensregeln, wenn sie spielen. Welpen erlernen dabei die Grundregeln, welche den Gruppierungen ein erfolgreiches Zusammenleben ermöglichen. Im Spiel wird Vertrauen aufgebaut, das dann auch Formen von Arbeitsteilung, Dominanz Hierarchien und Kooperation beim Jagen, Aufziehen des Nachwuchses, Verteidigen von Nahrung und Territorium im Rudel möglich macht.

Spielen Canide untereinander, so beißen sie einander durchaus kräftig, besteigen einander oder rammen einander. Alles dieses sind Verhaltensweisen, die leicht misszuverstehen wären im Rudel. Durch jahrelange sorgfältige Auswertung von Videoaufzeichnungen kamen Bekoff und seine Studenten auf vier grundlegende Regeln, nach denen Mitglieder des Rudels untereinander das Spiel zuvor aushandeln, so dass es nicht in einen ernsten Kampf ausartet.

  1. Deutliche Ansage: Canide zeigen die Aufforderung zum Spiel immer durch ein Verbeugen an. Dazu legen sie die Vorderbeine fast flach auf den Boden, lassen die Hinterbeine dabei aber normal stehen. Anderen Rudelmitgliedern wird damit eine Aufforderung zum Spiel gegeben und deutlich gemacht, es geht nicht um einen Kampf um den Rang im Rudel oder um einen Paarungsansinnen. Selbst wenn auf diese hoch stereotype Geste, die immer gleich ist, und so viel bedeutet wie “Spiel mit mir” oder “ich will noch immer spielen” scheinbar aggressive Verhaltensformen wie Zähnefletschen, Knurren oder Zuschnappen folgen, so zeigen die anderen Rudelmitglieder nur in 15% aller Fälle Unterwerfungs- oder Beschwichtigungsverhalten. Das zeigt, in der Regel verstehen die anderen Mitglieder des Rudels, was nun folgt ist Spaß. Das Vertrauen in die ehrliche Kommunikation des anderen ist eine grundlegende Vorraussetzung für das Funktionieren einer sozialen Gruppe.
  2. Achte auf deine Manieren: Beim Spielen achten Tiere immer auf die Fähigkeiten ihres Spielpartners und machen sich so zum Beispiel schwächer als sie sind oder beißen weniger fest zu, um für Ausgeglichenheit im Spiel zu sorgen. Ein ranghöheres Mitglied des Rudels wirft sich so beispielsweise auf den Rücken um dem schwächeren und rangniederen Mitglied ein Gefühl für ein Kräftegleichgewicht zu geben. Man beobachtet immer wieder, dass die stärkeren Tiere auch die schwächeren regelmäßig “gewinnen” lassen, um deren Motivation zum Spiel aufrecht zu erhalten. So kann jedes Mitglied des Rudels mit allen anderen spielen. Das fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und stärkt das Rudel als solches. Wer zwei Hunde beim Spielen beobachtet, wird diese Regel immer wieder bestätigt finden.
  3. Gib zu, wenn du einen Fehler gemacht hast: Selbst wenn sich alle an die Regel zuvor halten und bemüht sind, dass das Spiel fair ist, kann es schon mal aus dem Ruder laufen und einer tut dem anderen versehentlich weh. Wie Menschen, entschuldigen auch Tiere sich dann beim Spielpartner. Ein Hund etwa verbeugt sich wie bei der Aufforderung zum Spiel, um dem Spielpartner zu versichern, dass das Geschehene kein Ernst war, sondern nur Spiel. Damit das Spiel weitergehen kann, muss der Gegenüber den Fehler verzeihen, und das passiert fast immer. Das Spiel geht anschließend weiter. Die Toleranz für Fehler im Verhalten ist deshalb auch um Rudelalltag recht hoch.
  4. Sei ehrlich: Aufforderungen zum Spiel müssen ehrlich gemeint sein. Wer sich nicht an die Regeln hält, steht bald alleine da, nicht nur beim Spiel, sondern auch im Rudel. Bei jungen Kojoten hat man beobachtet, dass Tiere, die nicht in der Lage sind, sich an Regeln zu halten und immer wieder unehrlich sind, bald darauf das Rudel verlassen und damit oft zum Tode verurteilt sind. Wie die Beobachtungen zeigen, ist die Verletzung sozialer Normen im Rudel, wie sie im Spiel immer wieder gefestigt werden, auch sehr ungünstig, wenn es um die Weitergabe der eigenen Gene geht.

Ein faires Miteinander ist demnach eine fortgeschrittene Anpassungsstrategie, die es Individuen erlaubt, soziale Bindungen einzugehen und zu aufrecht zu erhalten. Bei Caniden wie auch Menschen bilden fein gesponnene Beziehungen untereinander und eine Reihe von Regeln zum Miteinander die Grundlage für eine stabile Gesellschaft, welcher es bedarf, um das Überleben des Einzelnen zu gewährleisten. Dabei steuern grundlegende Regeln zur Fairness das soziale Spiel des Nachwuchses wie auch das Verhalten der Erwachsenen. Es ist zu vermuten, dass moralische Intelligenz als ein Faktor der Intelligenz insgesamt, wie man sie sowohl bei Wölfen und Kojoten wie auch Haushunden beobachten kann, sehr ähnlich zu dem sind, was in frühen menschlichen Gesellschaften das Zusammenleben und Überleben ermöglichte. Vielleicht ist es, so schließt der Beitrag, genau dieser Sinn für Recht und Unrecht, welcher es den menschlichen Gesellschaften erlaubte, sich erfolgreich über den gesamten Globus zu verbreiten.

Für mich wird nach dem Artikel deutlich, warum zum Beispiel Yoschi mittlerweile auf Jackie nicht mehr gut zu sprechen ist und ihre Nähe mit Zurückweisung quittiert. Da Jackie wegen ihrer schlechten Sicht, nicht mehr zuverlässig als Rudelmitglied funktioniert, da sie sich nicht an gängige Regeln hält, steht sie mittlerweile recht einsam da. Manchmal versucht Floppy sie durch entsprechende Gesten zum Spielen zu animieren. Doch da sie diese nicht gut sehen kann, geht sie auch nicht darauf ein.

Quelle: The Ethical Dog, Scientific American, März 2012