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Zwei Tage ist sie nun tot, meine Jackie. Ich hatte sie in den großen Korb in der Diele gelegt, nachdem wir vom Tierarzt zurück gekommen waren.

Die Windelhose, die sie wegen ihrer Inkontinenz trug, hatte ich ihr angelassen. Das Blut vom Einstich in die Vene, über welche der Tierarzt die beiden Spritzen gegeben hatte, beseitigte ich mit feuchten Tüchern so gut es ging. Und da lag sie dann, still als würde sie schlafen. Nach dem Foto deckte ich sie zu bis auf die Schulter. Jeder konnte Abschied nehmen. Die Hunde rochen an ihr und da es dann für sie Futter gab, war sie zunächst uninteressant. Später aber rochen sie erneut an ihr, vor allem die Kleinen. Mitunter leckten sie ihr über die Schnauze als wollten sie sie wecken, auch am nächsten Tag noch. Ich selbst legte immer wieder mal die Hand auf sie, strich ihr über den Kopf und legte noch einmal die Hand auf den Brustkorb. Schlug da nicht vielleicht doch ein Herz und sie schlief einfach nur? Irgendwie muss man sich des Todes vergewissern, denn Verstand und Gefühle arbeiten nicht immer synchron.

Gestern dann konnte ich sie am späten Nachmittag im Garten begraben. Zuvor hatte ich mit meinem Neffen noch eine Kiste gezimmert. In die legte ich dann ein Bettuch und dahin legte ich ihren kleinen, steifen, kalten, leblosen Köper und deckte sie anschließend mit dem Tuch zu. Mein Neffe grub das Loch im Garten, etwa 60 – 70 cm tief. Dort stellten wir das Kistchen hinein und er bedeckte alles mit Erde und darüber legte er die abgestochene Grasnarbe.

Interessant war dabei, dass nur Little Amiga Interesse zeigte, als ich Jackie in das Kistchen legte, zudeckte und wir das Kistchen verschlossen. Sie schaute neugierig, roch noch einmal an Jackie und roch dann an den Rändern, wo der Deckel auf dem Kistchen liegt, während wir es zuschraubten. Sie merkte, hier geschieht etwas sehr Ungewöhnliches. Yoschi und Floppy interessierten sich nicht weiter für das, was mein Neffe und ich machten.

Und nun ist sie weg, unwiderruflich. Dass ich dann am Abend im wahrsten Sinne des Wortes “todtraurig” war, wundert nicht. Abends bevor ich einschlief hatte ich die Nacht davor noch gegrübelt. War es nicht vielleicht doch falsch? Habe ich sie betrogen, die für die ich immer da war und da sein wollte? Wollte sie mir auf dem Behandlungstisch als sie nicht liegen bleiben wollte, sagen, dass sie weiter leben wollte? Sie war immer eine Kämpferin und dem Tod mehrere Male von der Schippe gesprungen, Stuttgarter Katzenseuche, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Nierenversagen. Immer wieder hatte sie es geschafft und sich erholt. Vermutlich hätte sie sich auch diesmal erholt und die Entzündung wäre vergangen und das Fieber auch. Doch die Blind- und Taubheit und die damit verbundene Einsamkeit, Unsicherheit und auch immer wieder Stress, durch Missverständnisse mit Yoschi, das wäre geblieben. Geblieben wären auch die Momente, in denen sie irgendwo stand und nicht wusste, was sie wollte oder vorgehabt hatte. Es wäre mir lieber gewesen, sie wäre von alleine gegangen, oder die Krankheit eindeutig gewesen und man hätte ihr zusätzliches Leid durch Krankheit erspart. 

Ich habe mich gefragt, was sie gesagt hätte, hätte ich sie fragen können? Sie war wirklich eine echte Kämpferin, was das Leben anging. Hätte auch diesmal lieber gekämpft? Waren Blind- und Taubheit ein Kampf für sie, den sie angenommen hatte? Irgendwo schien Letzteres mir nicht so. Mir erschien sie nicht mehr glücklich. Dass sie mir zur Begrüßung nach mehr als 11 Wochen Abwesenheit nur die Hand geleckt hatte und sich dann abwendete, das war nur noch ein wenig die alte Jackie. Als ich sie später lange streichelte und sie mir die Hand leckte, das war ganz die Jackie, wie ich sie kannte.

Am Sonntagnachmittag traf ich eine Entscheidung. Ich wollte ihr weiteres Leid ersparen. Schon seit ich wieder zu Hause war, hatte mich das Thema beschäftigt. Zu meiner Mutter und Schwester hatte ich die Tage noch gesagt, es wäre so schön, wenn sie jetzt einfach so im Schlaf von uns gehen würde. Wäre sie nicht so plötzlich erkrankt, wäre es ein späterer Tag geworden, sicher nicht dieser Sonntag. Vielleicht wären noch ein paar Wochen ins Land gegangen, ich weiß es nicht und werde es nie wissen. Ich traf eine Entscheidung und die war final und ist unumkehrbar. Mich wird diese Entscheidung gewiss noch häufiger beschäftigen, gerade wegen der beschriebenen Umstände.

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