Schlagwörter

, , , , , ,

In der aktuellen dogs 1/2015 las ich über Hildgegard Jung, eine Tierärztin aus München, die ein Bisspräventionsprogramm für Kinder betreibt. Kinder und Hunde, das ist nicht immer unproblematisch und damit meine ich jetzt nicht Extremfälle, in welchen ein Hund ein Baby schwer verletzt oder gar tot beißt. Es kommt aber immer wieder vor, dass Kinder von Hunden gebissen werden. Sie werden sogar häufiger gebissen als Erwachsene. Die Frage ist nur, warum ist das so?

In dem Zusammenhang erinnerte ich mich an einen Beitrag aus Psychology Today, welcher der Frage nachgeht, wie gut Kinder den emotionalen Zustand eines Hundes erkennen können. Denn das genau scheint der Knackpunkt in dieser Sache.

Jeder kennt die Situation, dass man mit dem Hund unterwegs ist, eine Mutter mit Kind kommt einem entgegen und das Kind stürmt sofort auf den Hund zu und will ihn streicheln. Laut Stanley Coren, dem Autoren des Beitrags, sind 56% aller Hundebissopfer Kinder unter 10 Jahren. Das ist eine überproportional hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass Kinder unter 10 gerade einmal 11% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass Kinder unter zehn Jahren Schwierigkeiten haben, den emotionalen Zustand eines Hundes, also ob er entspannt ist oder angespannt, freudig oder furchtsam, nicht sicher erkennen können. Neuere Forschungsergebnisse scheinen diese Annahme zu unterstützen.

Bildnachweis: Pixabay ; CC0, Public Domain

An einer schottischen Universität untersuchte man mit einer Probandengruppe von 430 Kindern im Alter von 4 bis 10 und 210 jungen Erwachsenen, überwiegend Studentinnen wie gut Kinder und Erwachsene den emotionalen Ausdruck von Hunden erkennen können. Gezeigt wurden allen Versuchspersonen je neun kurze Videos von 5 – 11 Sekunden Dauer, welche nach Expertenmeinung ganz eindeutig freundliches, aggressives und ängstliches Verhalten zeigten. Zu Beginn eines jeden Testdurchgangs wurden den Kindern Gesichtsausdrücke von Menschen (glücklich, traurig, ängstlich, verärgert) im Comic Stil gezeigt, um festzustellen, ob die Kinder in der Lage waren Emotionen korrekt zuzuordnen. Beim Vorführen der Video Clips waren fünf Antwortmöglichkeiten vorgegeben: glücklich, traurig, ängstlich, verärgert, ich weiß nicht. Die Comic Zeichnungen von menschlichen Emotionen wurden als Hilfsmittel gegeben, so dass die Kinder im Alter von 4 – 6 anstelle einer Antwort auf eine Zeichnung zeigen konnten, wenn sie zu schüchtern waren, eine Antwort zu sagen.

Das Alter, so ergab die Untersuchung, spielt eine wichtige Rolle bei der korrekten Beurteilung des emotionalen Zustandes von Hunden. Erwachsene lagen in 87% aller Fälle richtig. Mit abnehmendem Alter sank auch die korrekte Zuordnung. Waren bei den 10-jährigen Kindern noch 73% der Zuordnungen korrekt, lagen die achtjährigen Kinder nur noch bei 65% richtig, die Sechsjährigen nur noch bei 58% und die Vierjährigen bei gerade einmal 46%. Über alle Altersgruppen hinweg waren die Zuordnungsraten bei aggressivem Verhalten am höchsten und bei ängstlichem Verhalten am geringsten. Bei der Zuordnung von aggressivem und freundlichem Verhalten lag bei allen Altersgruppen die Rate für richtige Antworten über dem Zufall. Die Fähigkeit, ängstliches Verhalten bei Hunden richtig zu erkennen, war bei den vier- und sechs Jahre alten Kindern unglaublich schlecht. Gerade einmal in 20% aller Fälle wurde es bei den Vierjährigen korrekt erkannt und in 30% aller Fälle bei den Sechsjährigen. Besonders besorgniserregend ist dabei noch die Tatsache, dass ängstliches Verhalten nicht nur nicht korrekt erkannt wurde, sondern noch schlimmer als freundlich oder glücklich fehlinterpretiert wurde.

Bildnachweis: Pixaby; CC0, Public Domain

Ausgewertet wurden die Daten auch darauf, worauf die Versuchspersonen bei der Beurteilung des emotionalen Zustandes eines Hundes acht gaben, also ob sie auf das Gesicht des Hundes achteten, seine Körperhaltung, Haltung und Bewegung der Rute und die Geräusche. Dabei hatten sich die meisten Versuchspersonen bei der korrekten Beurteilung von aggressivem Verhalten auf die Geräusche des Hundes (Knurren, Bellen) verlassen. Am schlechtesten schnitten in ihrer Beurteilung von aggressivem Verhalten die Versuchspersonen ab, die auf die Rute geschaut hatten. Bei der Beurteilung von ängstlichem Verhalten wurden die meisten Fehler gemacht, wenn die Versuchspersonen auf das Gesicht des Hundes schauten. 41% aller Versuchspersonen, die sich am Gesicht des Hundes orientierten lagen falsch in ihrem Urteil und nur 15% richtig. Und da vor allem die jüngeren Kinder überwiegend das Gesicht der Hunde betrachten, um den emotionalen Zustand des Hundes zu beurteilen, scheint hier ein Teil der Ursache des Problems zu liegen.

Bildnachweis: Pixabay; CC0, Public Domain

Erwachsene schneiden insgesamt vor allem besser ab, da sie nicht nur auf ein Körperteil des Hundes achten, wenn sie den emotionalen Zustand beurteilen wollen. Vermutlich werden also Kinder und hier vor allem kleinere Kinder oft Opfer von Hundebissen, da sie nicht erkennen können, wann ein Hund ängstlich ist. Fühlt sich ein ängstlicher Hund bedroht, da ein Kind ihm zu nahe auf den Pelz rückt, reagiert er mit Aggression, wenn er nicht ausweichen kann. Ein Biss aus Angst kündigt sich jedoch nur selten durch Knurren oder Bellen an und erfolgt so für die Kinder, die auch Geräusche zur Beurteilung des emotionalen Zustandes nutzen können, vollkommen unerwartet.

Kinder haben, so legen die Ergebnisse nahe, vor allem ein Problem, furchsames Verhalten von Hunden richtig zu erkennen und oft interpretieren sie dieses Verhalten sogar noch als freundlich. Demnach liegt die Tierärztin Hildegard Jung mit ihrer Kampagne zur Aufklärung genau richtig. Kinder müssen lernen, Hunde richtig zu lesen bezüglich ihres emotionalen Zustandes und dabei ist es wichtig zu vermitteln, dass es nicht reicht, nur auf einen Körperteil alleine zu achten.

Für uns Halter von Hunden bedeutet es aber auch, dass wir vor allem bei Kindern in der Verantwortung sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die meisten kleineren Kinder bei dem ängstlichen und unsicheren Herrn Floppy nicht erkennen können, dass man ihn in Ruhe lassen muss.

Quelle: How Well Can Children Interpret a Dog’s Emotional State? psychologytoday.com Juni 2014

Advertisements